Engagement
Alles verstrahlt: Warum sich MCT seit Jahren gegen Atomkraft engagiert

Man könnte fast glauben, das Warnzeichen für Radioaktivität sei so etwas wie das inoffizielle Logo von MCT, so oft begegnet es einem, wenn man mit dieser Firma zu tun hat. Es findet sich auf Jacken, Briefpapier, Karten, Webseiten und in E-Mail-Signaturen. Doch mit Marketing hat das nichts zu tun.

Seit über zehn Jahren engagiert sich Scumeck Sabottka stark für das Gedenken an Tschernobyl. In seinem Büro stapeln sich Fotobände und Bücher zum Thema. Er hat die Arbeit der brasilianischen Künstlerin Alice Miceli unterstützt, die in die verseuchte Zone von Tschernobyl reiste, um die Strahlung auf speziellen Filmen, die normalerweise nur in der Nuklearmedizin verwendet werden, aufzuzeichnen. Eine Zeitlang betrieb Sabottka sogar eine eigene Webseite zur Erinnerung an den Reaktorunfall von 1986. Er beschäftigt sich, so sagt er, permanent damit. 

Als die ersten Nachrichten über diese Katastrophe durch die westdeutschen Medien gingen, lebte Sabottka in Berlin. Wie die meisten Menschen damals befiel ihn eine Art Endzeitstimmung, als er hörte, ein Atomreaktor sei in der Ukraine explodiert. „Die Mauer stand noch. Man konnte keine Milch trinken. Keine Kartoffeln essen. Es war sehr bedrückend“, erinnert er sich.
Sein aktives Engagement begann erst viele Jahre später. 2003 rief ihn sein Freund Falko Richter an und bat ihn, mit nach Belarus zu fahren. Er wolle dort ein Musikfestival veranstalten in Erinnerung an Tschernobyl. Scumeck Sabottka hielt zuerst wenig von dieser Idee, er wusste nichts über Belarus, höchstens, dass es einen autoritären Machthaber namens Lukaschenko gab. Nach einigem Drängen seines Freundes sagte er schließlich zu.
Die Reise nach Belarus wurde so etwas wie eine Offenbarung für Scumeck Sabottka. Er und Falko Richter trafen sich dort mit dem scheidenden deutschen Botschafter und machten sich auf den Weg nach Gomel, an den Rand der verstrahlten Zone. Sie erfuhren, dass dieses Land, das von den deutschen Truppen im Zweiten Weltkrieg verwüstet worden war, noch immer unter den Folgen des Reaktorunglücks litt. Fast ein Viertel des Staatsgebietes ist verseucht – und das für Jahrtausende. Nahe der Stadt Gomel besichtigte die deutsche Delegation einen ehemaligen Militärflughafen, auf dem das Festival stattfinden sollte. Gut 100.000 Menschen hätten hier Platz.
Scumeck lernte eine belarussische Familie kennen, die ihn tief beeindruckte – Larissa, ihren Mann und ihre Kinder. Der Sohn Dima kam am Tag des Unfalls zur Welt. Er hatte nur eine Niere und war lernbehindert. Seine Mutter war in der Nacht der Explosion mit dem Säugling nach draußen gegangen, um den blau und grün leuchtenden Himmel zu bewundern. Sie hatte jahrelang gekämpft, um zu beweisen, dass die Behinderung ihres Sohnes eine direkte Folge des Reaktorunfalls ist.

1,3 Millionen Belarussen lebten in den vom Fallout betroffenen Gebieten. Die Krebsraten sind bis heute um das 40-Fache erhöht. Über die Zahl der Toten, ob es nun Tausende, Zehntausende oder Hunderttausende sind, wird noch immer gestritten. Scumeck Sabottka wusste das alles auch vorher, doch die Begegnung mit Larissas Familie veränderte seine Sicht. „Die abstrakte Betroffenheit und die Gefahr wurden auf einmal völlig konkret in diesen Personen“, sagt er.
Zurück in Deutschland, war er wild entschlossen, ein Jahr später ein Festival für die Menschen in Gomel und Umgebung zu veranstalten. Er fragte viele Bands an, aber alle sagten ihm ab.
Immer wieder bekam er zu hören, ein Konzert in einer verstrahlten Gegend sei zu gefährlich.
Jahre später gelang es Scumeck Sabottka immerhin, ein Benefizkonzert mit der französischen Pianistin Hélène Grimaud in Gomel zu organisieren. Zu Larissas Familie hat er bis heute Kontakt.

Die Katastrophe in Fukushima 2011 bestätigte seine Befürchtungen. Sabottka war geschockt. „Wenn alle 20 Jahre so ein Ding hochgeht, ist die Welt platt“, sagt er. Es sei erstaunlich, wie schnell solche Ereignisse in Vergessenheit gerieten. Viele der jungen Menschen, mit denen er arbeite, hätten zum Beispiel noch nie von Tschernobyl gehört. Gerade deswegen wird er sich weiter gegen Atomkraft engagieren – eine Technologie, die er für extrem gefährlich hält. 

Interview
Stadt, Rad, Hund