Feiern
30 Jahre MCT: Es begann mit der Leber

Mehrfach an der Pleite vorbeigeschrammt, oft mehr Fan als Unternehmer gewesen: Wie ein hepatitiskranker, zahnloser Punk aus Berlin vom arbeitslosen Blumenverkäufer zum Veranstalter von internationalen Konzerttourneen wurde.

Die Geschichte von MCT

An einem warmen Sommermorgen im Jahr 1981 fährt ein Fiat-Lieferwagen durch Westberlin. Um kurz nach neun brettert er mit Tempo 70 über die Otto-Suhr-Allee. Der Wagen gehört einem Blumengroßhändler, am Steuer sitzt ein junger Punk, der eine Lieferung zu einem Geschäft nach Spandau bringen soll. Er heißt Stefan Sabottka, aber bis auf seine Eltern nennt ihn niemand so. Seine Freunde haben ihn Scumeck getauft, was keine tiefere Bedeutung hat, gute Spitznamen sind damals einfach Pflicht.
Scumeck ist jedenfalls müde. Oft feiert er mit seinen Freunden noch, bevor er mitten in der Nacht seinen Dienst beim Blumengroßhändler antritt, aber an diesem Tag fühlt er sich einfach schlapp, obwohl er früh zu Bett gegangen ist. Im Kassettenrekorder des Autos läuft lautes Geschrammel von The Damned.

Scumeck sieht aus, wie man damals eben so aussieht. Er trägt einen Irokesenschnitt und hat keine Vorderzähne mehr. Die haben ihm ein paar Bodybuilder neulich bei einer großen Schlägerei, vor der ihn nicht mal seine aufgebohrte Gaspistole retten konnte, aus dem Gesicht getreten. Vor einem Jahr ist er aus dem Ruhrgebiet nach Berlin geflohen. Hier kann ihn die Bundeswehr nicht mehr einziehen, hier haben ihm seine Eltern nichts mehr zu sagen, hier gibt es die beste Musik. Er lebt in einer winzigen Wohnung im von der Berliner Mauer umschlossenen Kreuzberg, ohne Bad und mit Außenklo. Er mag sein Leben hier. Berlin ist das Schlaraffenland für ihn.

Scumeck ist wie immer schnell unterwegs an diesem Morgen, eine Ampel, die vor dem Rathaus Charlottenburg auf Rot umspringt, hält ihn nicht auf. Plötzlich schießt ein Volvo auf die Kreuzung und biegt nach links ab, der Lieferwagen knallt ungebremst in die Seite des anderen Autos hinein. Der Volvo dreht sich und reißt eine Laterne um. Scumeck ist natürlich nicht angeschnallt und wird durch die Frontscheibe katapultiert. Noch immer läuft The Damned. Die Musik mischt sich mit dem Hupen des Lieferwagens, aber der junge Mann, der mit dem Oberkörper aus der Scheibe heraushängt, hört nur noch Stille und Vogelgezwitscher um sich herum. Er sieht, dass der andere Fahrer unverletzt aus seinem Volvo kriecht. „Scumeck!“, ruft eine Stimme. „Scumeck!“ Der Verkäufer eines Blumenladens an der Straße hat ihn erkannt und läuft zum Unfallort.

Äußerlich ist der Blumenlieferant Scumeck Sabottka wie durch ein Wunder unverletzt. Ein Sanitäter schaut ihm prüfend in die Augen und sagt: „Wie siehst du denn aus, Junge? Du bist ja ganz gelb. Bei dir stimmt doch was nicht.“

Im Krankenhaus werden bei Scumeck eine Gelbsucht und Hepatitis B diagnostiziert. Aufgrund seiner Erkrankung trägt er am Unfall keine Schuld. Seine Leber ist entzündet, ein Arzt ordnet Quarantäne an. Unter Aufsicht darf er wieder nach Hause.

Es beginnt eine üble Zeit für Scumeck Sabottka. Der Chef des Blumengroßmarktes feuert ihn, weil er den neuen Lieferwagen kaputt gemacht hat. Scumeck verbringt seine Tage im Krankenbett. Gerüche stören ihn, Geräusche stören ihn, die Temperatur macht ihn verrückt. Er hat alle Wände seines Zimmers mit Plastikfolie abgedeckt, der Boden besteht aus umgedrehter Luftpolsterfolie, von allen Seiten her tauchen Neonröhren den Raum in ein eiskaltes weißes Licht.

Scumeck hört SPK, Throbbing Gristle, Nurse with Wounds, „Hamburger Lady“. Elektronische No-Noise-Musik. Krankes Zeug, das seinem Zustand entspricht. Er magert auf 63 Kilo ab und beschäftigt sich intensiv mit der Frage, ob er jemals wieder wird Drogen nehmen können oder ob er jetzt aufhören muss damit.

Nach einem halben Jahr stabilisieren sich seine Blutwerte endlich, und der Arzt hebt die Quarantäne auf. Er ermahnt Scumeck: „Ihre Leber ist durch die Zirrhose so in Mitleidenschaft gezogen, dass jeder Tropfen Alkohol, den Sie zu sich nehmen, Ihr Leben verkürzt.“

Scumeck hängt an seinem Leben, und er entscheidet sich, von nun an nüchtern zu bleiben. Aber wie er seine Miete (immerhin 135 Mark) bezahlen soll, ist ihm ein Rätsel. Er hat sein Leben lang gerne gearbeitet, aber eine Berufsausbildung hat er nicht. Das Einzige, was er hat, sind diese Musiktypen. Leute, die er noch von früher aus dem Ruhrgebiet kennt. Da hat er selber auch mal mit 16 in einer Band namens Public Enemy Gitarre gespielt, doch die löste sich nach dem ersten Konzert in Dortmund bereits wieder auf.

Die Nachricht, dass Scumeck dauerhaft nüchtern ist, spricht sich herum. Jäki Hildisch alias Jäki Eldorado ruft an: „Zirrhose, Mensch, Scumeck, du hast doch ’n Führerschein. Kannst du uns nicht fahren, Abwärts, auf der Tour?“ Scumeck leiht sich einen Wagen und sagt zu.

Danach macht er dasselbe für Malaria. Europa-Tournee. Paris, Amsterdam, Brüssel.

Es stellt sich heraus, dass er doch etwas gut kann. Karten lesen, Auto fahren, Einnahmen und Kosten abrechnen. Die Violent Femmes kutschiert er monatelang von Spanien bis nach Finnland.

Seine Wohnung ist an Anton Corbijn untervermietet, der in dieser Zeit das Skript für ein Musikvideo von Propaganda schreibt. Obwohl Scumeck kaum Geld mit seiner neuen Arbeit verdient, hat er Blut geleckt. Er bekommt Kontakt zu einer englischen Agentur, die ihn fragt, ob er Jonathan Richman in London für eine Tour abholen will.

Er schreibt der australischen Band SPK einen Brief und organisiert 1982 die ersten Konzerte in Deutschland mit ihnen. SPK treten gemeinsam mit der Tödlichen Doris und Borsig im SO36 auf. Zu extrem lauter, düsterer Musik zerstückelt die Band Tierkadaver auf der Bühne. Es ist also ein toller Abend. Aber Geld verdient Scumeck immer noch nicht.

In seiner Zeit als Busfahrer und Tourneeleiter lernt er Dietrich Eggert von Rough Trade Booking aus Herne kennen, eine Agentur, die zum Label Rough Trade aus England gehört. Die beiden schmieden einen verwegenen Plan: „Bevor die anderen alles abkassieren, machen wir es doch einfach selbst.“


Hier gibts mehr von "30 Jahre MCT - Sounds & Stories"

Interview
Stadt, Rad, Hund